Donnerstag, 29. Januar 2015
ein halbes Jahr danach...
Es ist nun ungefähr ein halbes Jahr vergangen und ich möchte das positive zuerst berichten. Unsere Ehe hält stand.
Warum? Das kann ich nicht genau sagen. Mein Mann hat sich wieder etwas stabilisiert... von Hilfe kann aber nicht gesprochen werden.

Aber von vorn... die ambulante Therapie brach er ab. Die Therapeutin wollte ein EMDR bei ihm durchführen, das hatte ein Therapeut der Bundeswehr vor 15 Jahren auch schon einmal getan... laut Bundeswehr hatte es meinem Mann geholfen. Das System wird häufig bei Traumata eingesetzt, jedoch ist es ein sehr kurzes (und somit auch kostengünstiges) Verfahren, was normalerweise besonders gut wirkt, wenn es kurz nach der stattgefundenen Traumatisierung eingesetzt wird. Ob es 15 Jahre später überhaupt gut funktioniert hätte... ich weiß es nicht.
Inzwischen gehen wir von einer chronischen PTBS aus, eine gesicherte Diagnose gibt es natürlich nicht. Die stellt nämlich keiner. Psychologen sagen, sie müssen sich erst eine Meinung bilden.. und in dieser Zeit geht mein Mann bei jeder Sitzung durch die Hölle.
Ich habe meinen Mann ermutigt, seinen Beruf ( er war Feuerwehrmann auf einem ausländischem Armeestützpunkt) aufzugeben.Er hatte Angst dort wieder Waffen zu sehen und die traumatisierten Soldaten der ausländischen Armee... wieder Soldaten zu sehen, die sich das Leben genommen haben.. schon allein das Vorbeifahren löste Unbehagen in ihm aus, sagt er. Der finanzielle Schnitt ist zwar hart und tut der Familie weh.. aber ein leidender Ehemann tut noch mehr weh.
Gleichzeitig habe ich meinen Mann ermutigt einen Antrag auf Wehrdienstbeschädigung zu stellen, ein Antrag vor 15 Jahren wurde abgewiesen... dagegen kämpfen konnte mein Mann damals allein nicht. Diesmal möchte ich ihm beistehen... ich kämpfe wie eine Löwin für ihn und habe zeitgleich Angst ihn dabei zu bevormunden. Aber wir reden viel und er sagt, die Unterstützung tut ihm gut.
Ich habe ihn weiter motiviert über eine Umschulung nachzudenken, er wollte immer gern einen handwerklichen Beruf ausüben.
Sein großes Hobby, die Feuerwehr, ist mit dem Rückfall erstmal außen vor. Die Gefahr bei schreienden Menschen und dem Geruch vom verbrannten Fleisch wieder einen Rückfall zu bekommen ist momentan zu hoch. Er hat offen gesagt, was mit ihm los ist ( ich hielt das für die bessere Lösung, als irgendwelche Gründe als Ausrede vor zu schieben) und die Kameraden haben sehr positiv reagiert. Er nimmt nun hin und wieder an Festlichkeiten teil, fährt jedoch nicht zu Einsätzen. So bleibt ihm wenigstens der Rückhalt der dort aufgebauten Freundschaften.... ein Hobby, dass es seit seiner Kindheit pflegt.... beinahe verloren durch die PTBS.
Nachdem er einen Betrieb gefunden hatte, der ihn im Handwerk sehr gern ausbilden möchte, stellte sich nun die Frage der Zuständigkeit für eine Umschulung.

Und da fing das Theater wieder von neuem an.

Überglücklich über diesen Erfolg ging mein Mann zur nächsten Therapiesitzung, um dort zu hören, dass er nichtmal in der Lage sei am Straßenverkehr teilzunehmen ... ganz zu schweigen von der Handhabung gefährlicher Maschinen. Das war vor 3 Monaten... mein Mann fährt seit dem Zusammenbruch Auto, arbeitet zu Hause an Maschinen in seinem Werkzeugkeller... diese Aussage warf ihn um!! Er brach die Therapie ab, das Vertrauensverhältnis zu der Therapeutin war gebrochen. Auf eine Email mit der Erklärung meines Mannes, warum er die Therapie abbrach, antwortete die Therapeutin nicht mehr. Keine Unterstützung also für einen emotional labilen Menschen... Ich bin immer noch fassungslos über das Verhalten.

Inzwischen war der Antrag auf WDB angeblich verschwunden...
Wir hatten nur Kopien geschickt und schickten das ganze nocheinmal, mit Einschreiben und Rückschein! Das ist nur zu empfehlen, denn auch das Schreiben kam laut telefonischer Aussage nicht an..
nur diesmal hatten die Herrschaften mich am Telefon.. nicht meinen Mann. Mit ein wenig Druck und Androhung, die Öffentlichkeit einzuschalten, tauchte doch sehr plötzlich der Antrag wieder auf... und sogar er erste Antrag war wieder da....wundersam!!

Zeitgleich stellten wir einen Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben, um finanzielle Unterstützung während der Ausbildung meines Mannes im Sommer zu erhalten, bei der Agentur für Arbeit. Dort half man uns zwar freundlich weiter, stellte dann jedoch fest, dass man gar nicht zuständig sei. Der Rentenversicherungsträger sei zuständig.. also stellten wir den Antrag erneut, diesmal bei der Rentenversicherung... ein Ergebnis bleibt noch abzuwarten.

Diese Anträge und das ewige Nachtelefonieren zermürben nicht nur meinen Mann, auch ich gehe teilweise auf dem Zahnfleisch.

Und wie sieht der Alltag nun aus ? Welche Einschränkungen sind aktuell noch da?
Naja... manchmal bewegen die Kinder und ich uns als würden wir auf rohen Eiern laufen... Angst etwas falsches zu sagen, etwas falsch zu machen. Mein Mann ist häufig gereizt und sehr streng den Kindern gegenüber geworden. Er erwartet sehr viel Vernunft von ihnen und hat gleichzeitig große Probleme seine Gefühle für sie zu zeigen. Er versucht zu funktionieren.. oft klappt es auch.
Er ist außerdem sehr ängstlich, hat häufig Angst um uns. Vor kurzem wollte ich zu einer Demonstration gehen, nach den Anschlägen in Paris hat er aber große Angst, dass soetwas auch hier passieren könnte.. Angst mich dann zu verlieren... zumindest habe ich das Gefühl, darüber Reden tut er nicht!
Ich bin jeden Tag mit Zügen und Straßenbahnen in der Stadt meiner Hochschule unterwegs, steige ohne darüber nachzudenken an belebten Orten ein und aus... für ihn ist das unvorstellbar. Er sagt es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass ihn das verunsichert.
Als ich half eine der vielen Flüchtlingsunterkünfte aufzubauen hatte er riesige Angst, dass man mir dort etwas tun könnte. Es war schwer ihn davon zu überzeugen, dass diese Menschen dort genauso traumatisiert sind wie er...
Nachrichten schauen wir nicht mehr, immer wieder werden dort Tote und Verletzte gezeigt, Soldaten und Krisengebiete... grauenhafte Verbrechen an Menschen... er kann das nicht mehr sehen. Auch auf meine sonst so heißgeliebten Krimis verzichte ich... die Perversionen und Abgründe des menschlichen Handels... er hat sie real gesehen.
Natürlich habe auch ich Angst, dass hier ein Krieg ausbrechen könnte... die weltpolitische Lage ist sehr angespannt und ich beobachte vieles kritisch. Über diese Angst kann ich mit meinen Mann nicht mehr richtig sprechen.... ihn überkommen dann wieder seine Ängste.... als Reservist eingezogen zu werden, wieder diese Bilder sehen zu müssen... die Kinder zu verlieren... mich zu verlieren...

So hat sich doch einiges in unserem Leben verändert und ich mag nicht darüber nachdenken, wie ein Veteran das alles meistern soll ohne Unterstützung.
Eine staatliche Unterstützung mit ausgebildeten Fachkräften, ein Team aus Sozialarbeitern, Psychologen und Alltagshelfern ist soo notwenig! Aber keiner will es bezahlen... der Wehretat sieht solche Leistungen scheinbar nicht vor... und außerdem bricht die Krankheit ja meist erst dannaus, wenn die Betroffenen in Ruhephasen eintreten...ist ja zum Glück meist er zum Dienstende!

Ich habe dafür nun einen Mann zu Hause, der ständig mit Adrenalin vollgepumpt ist, der sich nicht entspannen kann, der immer in Alarmbereitschaft ist.. der in keinem Cafe sitzen kann, ohne den "Hinterhalt" zu vermuten und alle Menschen genau zu beobachten. Der Silvester wie ein Kind zusammengekauert im Bett sitzt.... dem Menschen, die arabisch sprechen heute Angst machen, der überall einen Hinterhalt vermutet, der keinem fremden Menschen über den Weg traut... der dem Staat nicht mehr vertraut.

PTBS für uns :
Ein Leben in ständiger Angst... und ein Netz, was sich um unsere Familie gespannt hat.

... link (0 Kommentare)   ... comment